Einfluss statt Macht
Bei meinem früheren Arbeitgeber wurde ein Kurs mit dem Titel „Einfluss ohne Macht“ angeboten. Es hieß, der damalige CEO – offiziell der mächtigste Mann im Unternehmen (IBM) – sei sich der Grenzen seiner Macht bewusst gewesen. Bei über 300.000 Mitarbeitenden war ihm klar: Selbst an der Spitze lässt sich nicht alles anweisen oder kontrollieren. Der Kurs entstand aus dieser Einsicht und aus dem Verständnis, dass auch seine Führungskräfte mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert waren.
Seitdem beschäftigt mich die Frage: Wie kann man Einfluss nehmen, ohne Macht zu besitzen? Oder zugespitzt: Hat man vielleicht gerade ohne Macht mehr Einfluss als mit?
Die Ohnmacht der Macht
Mein ehemaliger CEO ist kein Einzelfall. Viele mächtige Persönlichkeiten haben die Grenzen ihrer Macht erfahren. Barack Obama soll einmal sinngemäß gesagt haben: „Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten. Ich bin nicht der Kaiser.“ Helmut Kohl klagte: „Ich kann nicht einmal meine eigene Frau anrufen, wann ich will.“ Und Napoleon Bonaparte bekannte: „Ich bin der mächtigste Mann der Welt – und doch kann ich nichts gegen die Zeit tun.“
Diese Zitate zeigen: Macht und Ohnmacht liegen oft näher beieinander, als man denkt.
Macht vs. Einfluss
Was ist Macht? Macht bedeutet, Anweisungen geben zu können, Kontrolle auszuüben und Sanktionen zu verhängen. Sie lässt sich messen, etwa an der Anzahl der Menschen, denen man Vorschriften machen kann, oder am Vermögen, mit dem sich vieles bewegen lässt.
Was ist Einfluss? Einfluss hingegen basiert auf Inspiration und Überzeugung. Wer Einfluss hat, begeistert mit Ideen, lebt Vorbilder vor und gewinnt Menschen für eine gemeinsame Richtung. Einfluss zeigt sich darin, wie viele Menschen freiwillig folgen, wie etwa bei Influencern, deren Reichweite sich an der Zahl der Follower und Videoaufrufen ablesen lässt.
Kurz gesagt: Die Macht weist also an und kontrolliert, der Einfluss überzeugt und begeistert.
Einfluss ohne Macht
Die wenigsten Menschen verfügen über formelle Macht. Und selbst Führungskräfte erkennen oft, dass Anweisungen ins Leere laufen, kurzlebig sind und ständiger Kontrolle bedürfen. Macht mag schmeichelhaft wirken, ist aber fragil, denn sie kann jederzeit entzogen werden.
Einfluss hingegen überzeugt. Wenn einflussreiche Menschen reden, teilen sie Ideen, Visionen von der Zukunft. Sie wecken Begeisterung, weil sie selbst begeistert sind. Sie stellen die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, geben hilfreiches Feedback und helfen den Menschen, ihre Probleme zu überwinden (Coaching). Kurzum: Menschen nehmen Einfluss durch Aha-Erkenntnisse, darüber, was machbar ist und wie Probleme gelöst werden können.
Deshalb setzen viele lieber auf Einfluss. Denn Einfluss wirkt nachhaltiger.
Fazit
Macht mag sichtbar und messbar sein, doch ihr Wirkungsgrad ist begrenzt. Einfluss hingegen wirkt leise, aber tief. Er entsteht nicht durch Position, sondern durch Persönlichkeit, Haltung und die Fähigkeit, andere zu inspirieren. Gerade in komplexen Organisationen, in denen formelle Macht oft an ihre Grenzen stößt, entfaltet Einfluss seine Stärke.
Wer ohne Macht Einfluss nimmt, handelt aus Überzeugung. Und vielleicht ist genau das der nachhaltigste Weg, etwas zu bewegen – nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen.