Zerstörerische Tabus überwinden
Tabus können unser Leben erleichtern oder erheblich erschweren. Manche sind nützlich, manche sogar zerstörerisch. Wie erkennen wir den Unterschied? Und vor allem: Wie überwinden wir die zerstörerischen?
Vom nützlichen zum zerstörerischen Tabu
Manche Tabus dienen schlicht der Machtausübung: Aus egoistischen Motiven werden bestimmte Handlungen oder Gespräche unterbunden.
Ein Beispiel: Ein Chef duldet keine Kritik an sich oder seinem Führungsstil. Wer es wagt, ihn auf Fehler hinzuweisen, wird öffentlich gerügt. Nach wenigen solcher „Bestrafungen“ wird Kritik zum Tabu. Ein gefährliches Tabu, denn Fehler bleiben nun unkorrigiert.
Ebenso kann ein ursprünglich sinnvolles Tabu später schädlich werden. In meinem Buch Die unschlagbare Organisation schildere ich den Coaching-Fall einer Firma, die vor Jahren in einer Krise steckte und die strikte Regel ausgab: „Der Kunde ist König.“ Die Kundenzufriedenheit stieg, die Umsätze ebenfalls. Doch als es dem Unternehmen wieder gut ging, wurde diese Regel zur Belastung: Die Mitarbeiter gerieten zunehmend in den Burnout. Erst mit großen Mühen gelang die Anpassung: „Der Kunde ist König – aber wir dürfen Aufträge ablehnen, wenn sie unsere Kapazitäten übersteigen.“
Die Macht der Tabus
Die Macht von Tabus ist enorm. Man denke nur an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Der König war nackt, doch niemand wagte es, dies offen auszusprechen – über einen Kaiser macht man sich schließlich nicht lustig. Erst als ein Kind, dem das Tabu unbekannt war, laut rief: „Er hat ja gar nichts an!“, brach das Schweigen und damit das Tabu.
Tabus leben vom Gefühl der Scham. Scham ist die Emotion, die eintritt, wenn wir gesellschaftliche Regeln (Tabus) verletzen. Scham zu empfinden ist schmerzhaft, denn sie signalisiert: „Du gehörst nicht mehr dazu.“
Auch für jene, die von Tabus profitieren, ist deren Überwindung mit großen Ängsten verbunden. Heftige Abwehrreaktionen sind keine Seltenheit. Berühmte „Opfer“ sind Galileo Galilei, der das geozentrische Weltbild infrage stellte, oder der Arzt Ignaz Semmelweis, der seine Kollegen wegen mangelnder Hygiene kritisierte.
Die Wirkung schädlicher Tabus ist fatal. Man bewegt und kommuniziert um das Tabu herum. Man arrangiert sich notgedrungen mit ihm. Bestenfalls findet man Ersatzlösungen, die aber „Umwege“ darstellen und Zeit und Energie kosten. Wird das Tabus nicht rechtzeitig überwunden, kann es das betroffene Team beziehungsweise das ganze Unternehmen ruinieren.
Tabuisierung der Tabus
Manche Tabus werden sogar noch zusätzlich verstärkt, indem man die Diskussion über das Tabu tabuisiert. Dann ist das Thema, wie es der Pionier der Organisationsentwicklung Chris Argyris einst beschrieb, zu einem non discussable undiscussable geworden. Solche einzementierte Tabus zu überwinden, ist besonders schwierig.
Beispiele sind eine ungerechte Bezahlung im Unternehmen, die nicht thematisiert wird, weil es als „heikles Thema“ gilt. Oder die strategische Fehlentscheidungen des Managements, an einem Death-March-Projekt festzuhalten, das nicht infrage gestellt wird, weil ein Rückzug als Gesichtsverlust empfunden würde.
Vorgehen
Um ein Tabu zu überwinden, führt kein Weg daran vorbei, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich haben wir uns die ungeschriebenen Regeln anderer zu eigen gemacht. Vielleicht nicht ganz freiwillig, doch letztlich was es unsere Entscheidung, sie zu akzeptieren. Und nur wir selbst können daran etwas ändern. Nur wir selbst können uns von ihnen distanzieren und sie nicht länger übernehmen. Das erfordert Mut und ein geschicktes, sich voran tastendes Vorgehen. Hier sind fünf Schritte dafür:
1. Das Tabu zunächst unter vier Augen ansprechen
Suchen Sie sich eine Person Ihres Vertrauens und sprechen Sie offen über die Angelegenheit. Das gibt Ihnen Sicherheit und Mut für den nächsten Schritt.
2. Weitere Gleichgesinnte finden
Es gibt meist mehr Gleichgesinnte, als man denkt. Erweitern Sie den Kreis der Personen, mit denen Sie über das Tabuthema sprechen.
3. Deuten Sie das Tabu in Teamsitzungen an, mit Humor
Anknüpfend an obige Beispiele könnten Sie etwa sagen „Chef, ich weiß, Sie haben meistens Recht, nur in diesem Fall…“, oder „Der Kunde ist König, klar, aber nur, wenn wir auch die Zeit für ihn haben“. Verwenden Sie Humor. Humor ist wichtig, um Aggressionen zu vermeiden und das Thema behutsam einzuführen.
4. Nennen Sie den Schaden der Tabus und ermutigen Sie andere, das Tabu ebenfalls infrage zu stellen
Die Nachteile liegen oft auf der Hand: Fehler des Chefs bleiben unkorrigiert oder Mitarbeiter sind Burnout-gefährdet. Machen Sie diese Punkte deutlich und motivieren Sie andere, das Tabu ebenfalls zu hinterfragen.
5. Dranbleiben – das Tabu immer wieder infrage stellen
Tabus verschwinden nicht über Nacht. Steter Tropfen höhlt den Stein. Bleiben Sie beharrlich und weisen Sie regelmäßig darauf hin, dass die alte Regel nicht mehr gilt. Ein Coaching kann hierbei wertvolle Unterstützung leisten.
Fazit
Tabus können Orientierung geben oder massiven Schaden anrichten. Nützlich sind sie, wenn sie Verhalten sinnvoll ordnen oder in Krisen Stabilität schaffen. Zerstörerisch werden sie, sobald sie Kritik verhindern, Belastungen verschleiern oder Veränderungen blockieren. Der Schlüssel liegt darin, sie bewusst zu erkennen und mutig zu hinterfragen. Wer sie zunächst im kleinen Kreis anspricht, Unterstützer findet, das Thema behutsam öffentlich andeutet und die konkreten Schäden klar benennt, schafft die Grundlage für Veränderung. Mit Ausdauer lässt sich selbst ein fest zementiertes Tabu Schritt für Schritt auflösen.