Deeskalation ist eine Frage von Millisekunden

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Eines Tages kam mein Kampfsporttrainer vollkommen aufgelöst in die Trainingshalle. Er war gerade auf dem Parkplatz mit einem anderen Autofahrer aneinandergeraten. Die Zufahrt war zu eng, als dass sie aneinander hätten vorbeifahren können, doch keiner von beiden wollte zurücksetzen. Der Streit eskalierte, bis die Fäuste wie in einem Actionfilm flogen. Zum Glück kam niemand ernsthaft zu Schaden. Dennoch war unser Trainer zutiefst beschämt; trotz Jahrzehnten intensiven Trainings hatte er die Kontrolle verloren. Obwohl dies über 30 Jahre her ist, erinnere ich mich noch genau an seine Bestürzung. Man muss ihm hoch anrechnen, dass er uns davon berichtete und sich den Vorfall so zu Herzen nahm.

Deeskalation ist anspruchsvoll, denn sie ist eine Frage von Millisekunden, in denen unser limbisches System über Angriff oder Friedensangebot entscheidet. Deeskalation erfordert deshalb eine Vorbereitung, die gleichzeitig unser Denken, unsere Emotionen und unseren Körper umfasst.

Denken

Eine unüberlegte Bemerkung, eine vermeintliche Beleidigung oder ein merkwürdiger Blick – vieles kann als Angriff missverstanden werden. Da unser limbisches System blitzschnell und ohne Rücksprache mit dem Verstand reagiert, antworten wir oft impulsiv mit Ärger, Frust oder Enttäuschung. Es ist nur zu menschlich, mit gleicher Münze heimzahlen zu wollen (das Gegenteil von Deeskalation). Nur unser Verstand, kann diesem Impuls widerstehen. Dazu ist es hilfreich, wenn wir uns stets im Klaren darüber sein, wofür wir stehen.

Will ich die Eskalation oder den Frieden? Möchte ich ein Vorbild sein, meine Gesundheit schonen oder einfach die Harmonie wiederherstellen? Was auch immer Ihre persönlichen Beweggründe sind: Es ist sinnvoll, sie schriftlich festzuhalten und sie sich regelmäßig zu vergegenwärtigen. Das hilft dabei, sie im entscheidenden Moment geistesgegenwärtig abrufen zu können. So kann das Denken unsere Emotionen zügeln.

Emotion

Dennoch können wir unsere Emotionen nicht verleugnen. Wir empfinden sie, ob wir wollen oder nicht. Es ist ratsam, sich rechtzeitig mit ihnen vertraut zu machen, um aufkommenden Ärger, Enttäuschung oder Frust frühzeitig zu erkennen. Denn Emotionen wollen uns etwas mitteilen. Sobald wir ihre Botschaft verstanden haben, flaut das Gefühl oft von ganz alleine ab – sei es die Wut über einen vermeintlichen Angriff auf unsere Ehre, die Enttäuschung über eine unerfüllte Hoffnung oder der Frust über wiederkehrendes Pech.

Vergessen wir dabei nicht: Zur Deeskalation gehört immer auch das Gegenüber. Wenn wir die Emotionen des anderen mit Empathie erspüren, stärkt das die Verbindung zwischen uns. Solange wir das emotionale Band nicht abreißen lassen, ist eine Eskalation kaum möglich. Halten Sie also möglichst den Blickkontakt mit dem anderen Menschen aufrecht.

Körper

Auch unser Körper reagiert auf Stress sofort: Die Fäuste ballen sich, der Kiefer spannt sich an, die Stirn legt sich in Falten, die Haltung ist geduckt.

Deeskalieren ist daher ohne unseren Körper kaum vorstellbar. Einmal tief durchatmen, eine offene Körperhaltung einnehmen, dabei aufrecht stehen und die Füße fest auf dem Boden spüren, hilft ungemein, seelisch wie körperlich im Gleichgewicht zu bleiben. Auch dies erfordert ein wenig Coaching, um diese Maßnahmen bei Bedarf abrufen zu können.

Deeskalation krönt dann darin, aus dieser inneren Verfasstheit von Denken, Emotion und Körper heraus, die passenden Worte zu finden. Aber das ist ein Thema für einen weiteren Beitrag.

Fazit

Deeskalation ist weit mehr als nur die Abwesenheit von Gewalt; sie ist eine aktive, hochkomplexe Kür der Selbstführung. Die Geschichte des Kampfsporttrainers lehrt uns, dass technisches Können allein nicht ausreicht, wenn das limbische System die Regie übernimmt. Wahre Souveränität entsteht erst durch das Zusammenspiel dreier Ebenen:

  • Denken: Wer sich seiner Werte und Ziele (Frieden, Vorbildfunktion, Gesundheit) bereits im Vorfeld bewusst ist, schafft einen kognitiven Anker, der den impulsiven „Gegenschlag“ bremsen kann.

  • Emotionen: Das Erkennen und Akzeptieren der eigenen Gefühle nimmt der Wut die Wucht. Gleichzeitig fungiert die Empathie für das Gegenüber als emotionales Schutzschild, das den Abbruch der Kommunikation verhindert.

  • Körper: Da Stress sich physisch manifestiert, ist die bewusste Steuerung von Atem und Haltung der schnellste Weg, um das Nervensystem zu beruhigen und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

Deeskalation beginnt lange vor dem Konflikt. Sie ist ein lebenslanger Trainingsprozess, der uns dazu befähigt, in jener kritischen Millisekunde zwischen Reiz und Reaktion die Entscheidung für den Frieden zu treffen.